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Kanadagans (Branta canadensis canadensis)

Kurzbeschreibung

aktualisiert am: 04.09.2017

Aussehen und Verwechselungsmöglichkeiten        

Die Kanadagang ist 90-100 cm groß, wiegt 3.670-5.410 g und hat eine Flügelspannweite von 160-183 cm. Sie hat ein braunes Körpergefieder und braune Schwingen. Hals und Kopf sind schwarz mit einem breiten weißen Steifen, der sich von der Kinn- und Kehlregion über die Wangen bis fast zum Hinterkopf erstreckt. Schnabel und Beine sind sehr dunkel, beinahe schwarz.

Verwechslungen können mit der Zwergkanadagans Branta [canadensis] hutchinsii vorkommen, die in Nordrhein-Westfalen jedoch nur unregelmäßig vorkommt und bislang nur ausnahmsweise gebrütet hat (Schlüpmann 2007). Wie der Name schon sagt ist die Zwergkanadagans deutlich kleiner als die Kanadagans (außer der Unterart B. c. parvipes), besitzt einen proportional kürzeren Hals, einen runderen Kopf und einen viel kürzeren Schnabel mit höherer Basis. Die Brust ist dunkler und brauner als bei der Kanadagans, wobei es bei den Unterarten der Zwergkanadagans Unterschiede gibt (B. h. taverneri am hellsten, B. h. minima am dunkelsten). In seltenen Fällen können auch Hybriden zwischen diesen beiden Arten sowie zwischen Kanada- und Grau- bzw. Weißwangengans beobachtet werden. Die Bestimmung von Hybriden ist jedoch sehr schwierig und bleibt Spezialisten vorbehalten.

Lediglich bei flüchtigem Hinsehen ergibt sich eine Ähnlichkeit mit der Weißwangengans. Diese ist jedoch kleiner, das Körpergefieder weiß-grau und die Flügel haben eine schwarze Querbänderung. Die Schwarzfärbung am Hals erstreckt sich bis zur Brust (Kanadagans mit heller Brust) und das Gesicht ist weiß. Das dunkle Auge befindet sich also im weißen Feld, während es bei der Kanadagans im schwarzen Gesichtsfeld liegt.

 

Lebensraum

Kanadagänse leben zur Brutzeit in Gewässernähe. Neben natürlichen Stillgewässern und Kleingewässer werden auch Abgrabungsgewässer, Rieselfelder, Bergsenkungsgewässer, Fischteiche, Regenrückhaltebecken und Parkteiche genutzt. Bruten finden regelmäßig und bevorzugt auf Inseln statt. Im unmittelbaren Umfeld zum Brutplatz benötigt die Kanadagans Nahrungsflächen, vornehmlich kurzrasiges Grünland. Hohe Siedlungsdichten werden oft in besiedelten Räumen erreicht. Viele lokale Populationen verbleiben auch im Winter im näheren Umkreis. Andere, z.B. die in den Rieselfeldern Münster, haben neue Zugtraditionen aufgebaut und ziehen im Winter weg, z.B. an den Niederrhein.  Im Winter werden ähnliche Habitate wie in der Brutzeit genutzt. Die Nahrungsflächen können jedoch weiter von den Schlafgewässern entfernt liegen.

 

Biologie           

Kanadagänse brüten meistens erst im dritten Lebensjahr, die Paarbildung kann jedoch schon im ersten Lebensjahr erfolgen. Dadurch gibt es einen hohen Nichtbrüteranteil in der Population. In der Regel wird eine monogame Dauerehe geführt. Im Zeitraum März bis Mai wird einzeln oder in Kolonien auf Inseln oder im Röhricht ein Nest gebaut. Die Nestunterlage besteht aus Ästen und Zweigen, die Mulde wird mit Pflanzenmaterial und Dunen ausgelegt. Das Weibchen wählt den Nistplatz und baut hauptsächlich während das Männchen Wache hält. Legebeginn ist ab Ende März und im April. Meist werden 5-6 Eier gelegt, wobei die Gelegegröße zwischen 1 und 12 Eiern schwanken kann (bei 8 und mehr Eiern sind mehrere Weibchen beteiligt). Die Brutdauer beträgt 28-30 Tage. Nach dem Schlupf werden die Jungen im Familienverband bis in den Winter hinein betreut. Nach 48-86 Tagen sind die Küken flügge (Bauer et al. 2005, Kolbe 1999).

In der Nachbrutzeit und über den Winter schließen sich die Kandagänse zu großen Trupps zusammen, die mehrere 100 Individuen umfassen können. Nach dem Schlupf der Küken setzt bei den Altvögeln eine Vollmauser ein. Durch die synchrone Schwingenmauser sind die Kanadagänse dann 3-4 Wochen flugunfähig. Die Mauserperiode ist von der geografischen Lage und vom Klima abhängig und kann sich auch in Abhängigkeit vom Brutzeitraum verschieben. Sie findet im Zeitraum Juni bis August statt (Bauer et al. 2005). Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Landpflanzen, insbesondere Gräsern. Aber auch Rhizome, Klee, junge Saat, Sämereien und Wasserpflanzen werden gefressen. Bei letzteren hilft der lange Hals.

Kanadagänse haben in Deutschland außer dem Seeadler kaum Feinde. Gelege können vom Fuchs gefressen werden. Die älteste durch einen Ring kenntliche Kanadagans wurde mindestens 23 Jahre und 4 Monate alt (Schweden). Die Altvogelmortalität wird für Nordamerika mit 26 % pro Jahr und für Großbritannien mit 22 % pro Jahr angegeben. Die Jungvogelmortalität lag in Nordamerika bei 55 % pro Jahr (Bauer et al. 2005). Hierbei ist der hohe Jagddruck in Nordamerika zu berücksichtigen. Beringungsuntersuchungen von Kanadagänsen in NRW haben eine jährliche Überlebensrate von 95% vor Einführung der Jagdzeiten im Jahr 2006 und von 87% in den Jahren 2007 bis 2011 ermittelt (Homma, S. & Geiter in: Sudmann et al. 2011).

 

Herkunft und Einwanderungsweg

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Kanadagans erstreckt sich über fast ganz Nordamerika. Alaska, Kanada und die nördlichen Bundesstaaten der USA werden nur zur Brutzeit genutzt. Den Winter verbringen die insgesamt 3,5 Mio. in den südlichen Bundesstaaten der USA und im Norden Mexikos (del Hojo et al. 1992, Bauer et al. 2005).

Die erste Freilandbeobachtung der Kanadagans in Deutschland erfolgte bereits 1884, die ersten Freilandbruten wurden in den 1920er Jahren und 1957 in Bayern und 1968 in Schleswig-Holstein registriert. Zwischen den beiden Weltkriegen lebte eine angesiedelte Population in München. Nachdem diese der Hungersnot in der Nachkriegszeit zum Opfer fiel, wurden 1954 erneut Kanadagänse in München und auch in Hamburg ausgesetzt. Regelmäßige Bruten wurden ab 1980 in Hessen beobachtet. Damit gilt die Art seit 2004 in Deutschland als etabliert.

In NRW wurden erstmals 1959 und in den darauf folgenden kalten Wintern Kanadagänse beobachtet, die eventuell der skandinavischen Population angehörten (Mildenberger 1982, NWO 2002). Der Ursprung der nordrhein-westfälischen Bestände liegt jedoch in Gefangenschaftsflüchtlingen. So wurden seit 1961 in verschiedenen Orten in der Niederrheinischen Bucht Kanadagänse im Freiflug gehalten (Mildenberger 1982). Aber auch in Tiergärten, an Parkteichen und in privaten Anwesen wurden sie gehalten. Die aus den Bruten entstammenden Nachkommen wurden nicht immer kupiert und konnten so in die Freiheit entkommen. So fanden sich lokal einzelne Paare zusammen, die die Stammeltern einer lokalen Population werden konnten. In den 1970er Jahren kam es zur ersten Brutansiedlung im Braunkohlenrevier bei Frechen (Mildenberger 1982).

 

Verbreitung in NRW

Ende der 1980er Jahre waren schon mehrere Stellen in NRW besetzt und der Bestand steigt seitdem kontinuierlich bei gleichzeitiger Arealausweitung an (NWO 2002, Wink et al. 2005). Aus langjährigen Zählungen von verschiedenen lokalen Populationen ließen sich jährliche Zuwachsraten von ca. 15 % errechnen, was einer Bestandsverdoppelung alle fünf Jahre entspricht (Geiter et al. 2002). Bis 2005 war der Brutbestand in NRW auf 400-500 Paare angewachsen. (Sudmann et al. 2008). Seitdem sind die Bestände weiter angewachsen und die Art hat sich innerhalb von 30 Jahren in vielen Landesteilen etabliert. Im Herbst 2005 lag das Rastbestandsmaximum in NRW bei ca. 3.500 Individuen (Sudmann & Doer 2007, Sudmann 2009). Eine in Westfalen noch ziemlich lückenhafte, landesweite Synchronzählung im Juli 2011 (Koffijberg in: Sudmann et Al. 2011) kommt auf 4.898 Tiere. Eine Hochrechnung mittels Populationsmodell kommt auf eine geschätzte Gesamtpopulation von 6.630 - 10.140 Tieren.

Das Zentrum der Verbreitung befindet sich im Ballungsraum Ruhrgebiet, wo neben der Ruhraue mit den Stauseen auch viele Parkgewässer besiedelt sind. Weitere Vorkommensschwerpunkte  bilden die Rheinschiene Köln, Düsseldorf-Krefeld und der Raum Münster. Darüber hinaus gibt es lokal kleinere Vorkommen. Der Untere Niederrhein zwischen Wesel und Emmerich sowie die Weseraue nördlich von Minden sind bislang kaum besiedelt. 

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Kanadagans, Foto: S. Sudmann

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Kanadagansfamilien, Foto: S. Sudmann

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