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Waschbär (Procyon lotor)

Invasivität

aktualisiert am: 01.07.2020

Auswirkungen auf Flora und Fauna

Im Kreis Höxter, dem Dichtezentrum der Waschbär-Population in Nordrhein-Westfalen,  wurden in verschiedenen Naturschutzgebieten signifikante Rückgänge von Grasfröschen, Kreuzkröten und Erdkröten durch Waschbär-Prädation festgestellt (BEINLICH 2012). Die Tiere werden bei den Frühjahrswanderungen zum Laichgewässer im flachen Wasser, zum Teil auch an Amphibienzäunen  und -Fangbehältern erbeutet. Da vor allem bei der Erdkröte nur ausgewählte Körperteile als Nahrung genutzt werden, kann die Masse der getöteten Tiere pro Nacht erheblich sein. Es wurden Haufen zusammengetragener tote und sterbende Tiere von bis zu 200 Stück pro Nacht gefunden. Außer den markanten Bestandseinbrüchen des Grasfrosches und der Erdkröte werden auch signifikante Gelegeverluste von Wendehals und Flussregenpfeifer durch den Waschbär beschrieben. Kanada- und Nilgans hatten an dem von Waschbär stark prädierten Gewässer über 7 Jahre lang keinen Bruterfolg (ebenda).

Die diagnostizierten Staupe-Fälle korrespondieren im Jagdjahr 2013/14 räumlich mit den Waschbär-Dichtezentren in Ostwestfalen. Die stark ansteckende Wildtierseuche wurde in Deutschland beim Waschbär erstmals im Jahr 2007 festgestellt. Vom Jagdjahr 2009/10 bis 2013/14 entwickelte sich der Waschbär in Nordrhein-Westfalen mit 20 von landesweit insgesamt 60 diagnostizierten Fällen von Staupe zum Hauptüberträger dieser stark ansteckenden Viruskrankheit (LANUV-Fallwildbericht 2014).

Aus Sachsen-Anhalt wird von einem negativen Einfluss auf die Koloniegröße von Graureihern (HELBIG 2011) sowie über vermehrte Brutverluste beim Rotmilan, bei baumbrütenden Mauerseglern und bei in Nistkästen brütenden Wendehälsen berichtet  (TOLKMITT et Al. 2012). SCHWAB et al. (2018) stellen im Rahmen eines Langzeitmonitorings im Steckbyer Forst den Zusammenhang zwischen zunehmender Prädation an Nistkästen durch den Waschbären und abnehmenden Brutbeständen des Trauerschnäppers dar. Aus den Reihen der Jägerschaft gibt es Beobachtungen zum Rückgang v.a. jagdbarer Vogelarten durch den Waschbär (KAMPMANN 1975). Die Reduzierung von Waschbärenpopulation zum Schutz besonderer Brutvorkommen oder Laichgewässer ist im Einzelfall geboten.

Im Müritz-Nationalpark wurde trotz hoher Waschbär-Dichten kein negativer Einfluss der Waschbär-Prädation auf besonders geschützte Arten festgestellt (MICHLER 2017).

Über einen Einfluss auf die Pflanzenwelt durch den Waschbären ist nichts bekannt.

 

Wirtschaftliche Schäden

Unbestritten ist, dass Waschbären gerne die reifen Früchte auf Obstbäumen ernten. Damit und indem sie manchmal für Unordnung in Gärten sorgen, werden sie zum Lästling in Siedlungen. Kosten entstehen auch etwa für die Reinigung von Dachböden oder das Anbringen von Barrieren gegen diese Tiere.

Die gelegentlich in Geflügelställe eindringenden Waschbären mögen es dort eher auf das Futter oder das Quartier abgesehen haben, als auf die Vögel (HOHMANN & BARTUSSEK 2001).

Schäden in der Landwirtschaft, z. B. an Mais oder Hafer, werden zwar hin und wieder genannt (LINDEROTH 2005), sie dürften allerdings insgesamt geringfügig sein.

 

Menschliche Gesundheit

Tollwut kommt beim Waschbären vor, ist allerdings weitaus seltener als beim Fuchs. Der Waschbär spielt offenbar keine Rolle als Vektor der Tollwut. Bedeutsamer ist, dass in einigen Waschbärenpopulationen Deutschlands der für die Art spezifische Spulwurm Baylisascaris procyonis verbreitet ist. Da eine Infektion des Menschen mit diesem Eingeweideparasiten durch die Aufnahme von Eiern mit dem Mund zu heftigen Erkrankungen führen kann, müssen Waschbären, die in menschliche Obhut gelangen, einer Wurmkur unterzogen werden und Kinder von „Waschbärlatrinen“ im Siedlungsbereich fern gehalten werden (HOHMANN & BARTUSSEK 2001, MICHLER 2004, STUBBE 1993).

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