Neobiota
Sie sind hier: Startseite Neobiota > Artenlisten > Waschbär (Procyon lotor)

Waschbär (Procyon lotor)

Kurzbeschreibung

aktualisiert am: 26.01.2018

Aussehen

Waschbären gehören zu den sogenannten Kleinbären. Das ist eine eigene, kleine  Raubtierfamilie, die auf Amerika beschränkt ist. Sie sind also keineswegs richtige Bären.

Waschbären sind etwa so groß wie ein kleiner Hund, sie wirken durch die kurzen Beine, das überhöhte Hinterteil und den runden, einen Buckel bildenden Rücken sehr gedrungen. Sie besitzen ein braun-graues Fell, deutlich dunklere sowie hellere Tieren kommen nicht selten vor. Charakteristisch ist die breite, schwärzliche Gesichtsmaske und der dicke, markant geringelte Schwanz. Der Marderhund, den  gleichfalls eine Gesichtsmaske kennzeichnet, unterscheidet sich vom Waschbären durch die deutlichere Trennung derselben durch einen hellen Streifen zwischen den Augen, die kleinen Ohren, den Backenbart sowie besonders durch das Fehlen der Schwanzringe. Der Waschbär kann seine Vorderpfoten fast wie Hände gebrauchen, da deren Zehen lang und frei sind.

Ausgewachsene Waschbären wiegen zwischen 4 und 10 kg, die Körperlänge reicht von 43 bis 67 cm, die Schwanzlänge von 19 bis 30 cm (STUBBE 1993, LOTZE & ANDERSON1979).

 

Lebensraum

Waschbären sind bezüglich ihrer Habitatansprüche sehr anpassungsfähig, Ideallebensräume sind jedoch Altholzbestände, die sich in der Nähe von Gewässern befinden und viele Bäume mit rauer Rinde und Höhlen aufweisen. Nadelholzkulturen werden nur selten aufgesucht. Waschbären dringen außerdem als Kulturfolger auch in die Randzonen und Grüngürtel der Siedlungen und Städte ein und leben hier in den Parks und Gärten. Müllkippen und Obstplantagen werden zur Nahrungssuche genutzt. Daneben kommen sie in agrarisch geprägten Gebieten vor, jedoch müssen Bäume vorhanden sein, auf die die Tiere ggf. flüchten können (STUBBE 1993, HOHMANN & BARTUSSEK 2001, LINDEROTH 2005).

 

Biologie

Waschbären sind überwiegend Nachttiere, nur dort, wo sie nicht verfolgt werden, sind sie manchmal am Tage aktiv. Sie können ausgezeichnet klettern und beziehen zum Schlafen gerne Baumhöhlen oder geeignete Astgabeln. Jagdkanzeln werden ebenfalls genutzt und Höhlungen am Boden oder zwischen Felsblöcken können besonders im Winter als Quartier dienen. In Stadtrandgebieten werden auch gerne (unbewohnte) Häuser bezogen (MICHLER 2004).

Die meist zwei bis vier Jungen werden im April bis Anfang Mai in Verstecken vorzugsweise in hohlen Bäumen geboren (STUBBE 1993, HOHMANN& BARTUSSEK 2001). Würfe mit bis zu sechs Jungtieren kommen vor. Waschbären können mehr als 16 Jahre alt werden.

Wie schon das Gebiss des Waschbären ohne ausgeprägte Reißzähne erkennen lässt, ist die Art Allesfresser. Das Suchen und Sammeln der Nahrung geschieht überwiegend am Boden. Früchte werden jedoch auch vom Baum gefressen und Vogelnester auf Bäumen oder in Nistkästen fallen Waschbären hin und wieder zum Opfer. Bei der Nahrungssuche sind die „Hände“ eine wesentliche Hilfe, entsprechende Tast- und Suchbewegungen im Wasser haben wohl zum Namen „Waschbär“ geführt. Systematische Untersuchungen in Hessen und Westfalen haben ergeben, dass die Nahrung etwa zu einem Drittel aus Pflanzen (u. a. Getreide und Obst), zu einem Drittel aus wirbellosen Tieren und zu einem letzten Drittel aus Wirbeltieren, besonders aus Lurchen und Fischen, besteht. Kaninchen und Hasen spielten unter den Wirbeltieren eine untergeordnete Rolle und der pflanzliche Nahrungsanteil ist im Herbst besonders hoch (Berger 1984, STUBBE 1993). Damit unterscheidet sich die Ernährung der Waschbären in Deutschland nicht prinzipiell von der ihrer Verwandten in Amerika (HOHMANN & BARTUSSEK 2001, LOTZE & ANDERSON 1979). Der opportunistische und lernfähige Waschbär frisst auch Abfälle, die er in Wohngebieten, auf Campingplätzen oder auf Mülldeponien findet. Nicht verschlossene Müllbehälter weiß er gleichfalls zu nutzen und er stellt sich auch da ein, wo z. B. Igel und Vögel von tierliebenden Menschen angefüttert werden.

Ernst zu nehmende Feinde hat der Waschbär in Deutschland nicht, gelegentlich mögen Jungtiere von Füchsen oder Uhus erbeutet werden. Auch in Nordamerika haben die großen Raubtiere wie Wolf, Luchs und Bären keinen bestandsregulierenden Einfluss auf die Art  (STUBBE 1993, LINDEROTH 2005, HOHMANN & BARTUSSEK 2001, LOTZE & ANDERSON 1979). Vielmehr sind es (parasitäre) Erkrankungen, die bei hohen Dichten Einfluss auf die Bestandsgröße haben können (HOHMANN & BARTUSSEK 2001). In Deutschland fallen viele Waschbären dem Straßenverkehr  zum Opfer.

In klimatisch ungünstigeren Gebieten kommt es im Herbst und Winter zu mehr oder weniger langen Phasen der Inaktivität. Diese Winterruhe ist nicht mit Winterschlaf gleichzusetzen, werden doch Körpertemperatur und Herzschlag nicht gesenkt. Bei dieser Strategie des Fastens ist es nicht verwunderlich, dass strenge Winter  merkliche Bestandseinbußen unter den Waschbären bewirken können (STUBBE 1993, HOHMANN & BARTUSSEK 2001).

Großräumige Ortsbewegungen kennt man von Waschbären praktisch nicht, Ausnahmen sind Wiederfunde markierter Tiere in den USA in bis zu 266 km und in Deutschland von 285km Entfernung (LOTZE & ANDERSON 1979, Stuttgarter Zeitung 2009).

 

Herkunft und Verbreitung in NRW

Die Heimat des Waschbären ist das gemäßigte und warme Nord- und Mittelamerika. Hier fehlt er nur im borealen Kanada und in den höheren Lagen der Gebirge sowie in wüstenhaften Gebieten des Kontinentes. In seiner amerikanischen Heimat leben durchschnittlich 30 Waschbären pro Quadratkilometer (HOHMANN & BARTUSSEK 2001).

Das heutige Vorkommen in Deutschland und Mitteleuropa geht im wesentlichen auf eine beabsichtigte Ansiedlung der Art im Edersee-Gebiet, Nordhessen, zurück. Die erste Aussetzung erfolgte dort 1934, wahrscheinlich gelangten hier in den folgenden Jahren zusätzliche Tiere in die Freiheit. Kerne weiterer Populationsbegründungen befinden sich östlich von Berlin (1945) und im Norden Frankreichs (1961) (HOHMANN & BARTUSSEK 2001). Heute leben Waschbären in ganz Deutschland, in der Schweiz, Österreich, in den Niederlanden, in Luxemburg, Teilen Belgiens und im Norden Frankreichs.

Im Osten des Südwestfälischen Berglandes tauchten die ersten Waschbären bereits 1945 auf und von dort breitete sich die Art weiter nach Westen aus. Um 1968  hatten Waschbären bereits das Sauerland bis auf den westlichen Teil besiedelt und Nachweise reichten bis in die Altkreise Soest, Beckum, Gütersloh, Paderborn und Höxter. Ende der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts dürfte es in ganz Westfalen Waschbären gegeben haben (BERGER 1984). Seit den 80er-Jahren ist auch in den übrigen Landesteilen NRWs mit Waschbären zu rechnen (STUBBE 1993, WEIJLAARS & HOEVE 1999).

Die Jagdstrecken in NRW lassen einen ausgeprägtes Häufigkeitsgefälle der Art  von Ost nach West erkennen. So wurden im Jagdjahr 2007/08 von landesweit 5.467 Waschbären 4.461 in den Kreisen Lippe, Paderborn und Höxter erlegt. Die Jagdstrecke stieg im Jagdjahr 2012/13 nach Erhebungen der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadensverhütung NRW auf landesweit 11.075, davon entfielen gut 4.400 allein auf den Kreis Höxter.

BEINLICH  (2012) schätzt im Kreis Höxter, im Dichtezentrum der nordrhein-westfälischen Waschbär-Verbreitung, die Tierdichte auf 10 - 15 Tiere pro 100 Hektar. Sie liegt damit vergleichbar hoch wie in den nordamerikanischen Waldgebieten. In Städten können dagegen Dichten von bis zu 100 Tieren pro 100 Hektar erreicht werden (HOHMANN et al. 2002). In Anbetracht der exponientiellen Entwicklung der Jagdstreckenentwicklung in Deutschland ist mit einer fortgesetzten Ausbreitung und Zunahme zu rechnen.

Vergrößern

Waschbär, Foto: H. Vierhaus

Vergrößern

Waschbär, Foto: H. Vierhaus

LANUV NRW 2018 nach oben