Neobiota
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Maßnahmen zur Vorbeugung, Kontrolle und Bekämpfung von Neobiota

Aus der Rio-Konvention und § 40 des BNatG ergibt sich das Erfordernis zur Beobachtung und zur Prävention der Ausbreitung potentiell invasiver Arten sowie zur Bekämpfung bereits verbreiteter invasiver Arten zum Schutz der biologischen Vielfalt. Hierbei muss die Verhältnismäßigkeit der Mittel - Aufwand und Erfolg - gewahrt sein. Biologische Invasionen folgen im Idealfall einer biologischen Wachstumskurve. Insbesondere bei Neophyten hat man beobachtet, daß die Individuenzahlen nach der ersten Einschleppung über einen längeren Zeitraum niedrig und scheinbar stabil bleiben, bis sie in die Phase der exponentiellen Vermehrung eintreten.

Hierarchisches Dreistufenkonzept

 

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Aus Pysek (1993 ergänzt): Herkulesstauden-Invasion in Tschechien als Beispiel einer biologischen Invasion und Darstellung der drei Stufen im hierarchischen Dreistufenkonzept

1. Priorität müssen vorbeugende Maßnahmen haben. Es gilt die Einschleppung von Arten, die sich bereits in anderen Regionen als problematisch erwiesen haben, durch entsprechende Maßnahmen zu verhindern. Um die Invasivität von Arten abzuschätzen, ist der wertvollste Anhaltspunkt das Verhalten der Art in anderen Regionen der Welt ("invades elsewhere?"). Wie verhält sich die Art in vergleichbaren Klimazonen, wie in den Nachbarländern? Einen Beitrag zur Risikoabschätzung liefern auch die für Invasivität wichtigen biologischen Eigenschaften z.B. Mobilität, Vermehrung, Wachstumgeschwindigkeit oder ökologische Plastizität, die aufgelistet, mit Punkten bewertet und verrechnet werden. Diese Informationen und Erfahrungswerte werden in sogenannten "Schwarzen Listen" zusammengetragen, einem wichtigen Instrument zur Information und Vorbeugung von Invasionen. Eine Schwarze Liste der invasiven Gefäß-Pflanzenarten wurde 2013 vom Bundesamt für Naturschutz veröffentlicht (Nehring et al. 2013). Auf der Grundlage von Schwarzen Listen oder ähnlichen Informationsnetzwerken ist es möglich, gezielt Informationen zu geben und ein Bewußtsein über die Gefahren durch invasive Arten bei den in der Landschaft tätigen Personengruppen wie Landwirten, Forstwirten, Landschaftsbauleuten, Imkern, Anglern, Jägern oder auch Gartenbesitzern und Tierhaltern zu schaffen.

Neben Information und Bewußtseinsbildung legen verschiedene Gesetzeswerke zu Einfuhr, Handel und Ausbringung gebietsfremder Arten die Basis zur Prävention. Die invasiven Schmuckschildkröten (Trachemys scripta elegans und Chrysemiys picta) und der Ochsenfrosch (Rana catesbeiana), die durch Aussetzung von Aquarianern in die Natur gelangen, dürfen gemäß Verordnung (EG) 359/2009 zur Aussetzung der Einfuhr nicht mehr in die Länder der EU eingeführt werden (Art. 4, Abs. 6d). Doch nur weitergehende Besitz- und Vermarktungsverbote, die durch Bundesartenschutzverordnung (§ 3) auf der Grundlage des Bundesnaturschutzgesetzes [§ 54, Abs. 4 und 5 und § 44, Abs. 2 und 3] erlassen werden können, könnten den Handel und damit das Aussetzen in die freie Natur wirksam unterbinden. Bisher sind mit Besitz- und Vermarktungsverboten in Deutschland nur 4 Tierarten belegt, das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis), die Schnappschildkröte (Chelydra serpentina), der Amerikanischer Biber (Castor canadensis)  und die Geierschildkröte (Macroclemys temminckii). Unter präventiven Aspekten sollten zukünftig auch weitere Arten von Einfuhr-, Besitz- und Vermarktungsverboten erfasst werden.

 

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Grobgestreifte Körbchenmuschel (Corbicula fluminea)
Foto: Grabow

2. Zweite Stufe im hierarchischen Dreistufenkonzept (Bundesrat-Drucksache 952/08) sind Früherkennung und rasches Eingreifen. Im Anfangsstadium der Invasion müssen alle Vorkommen konsequent getilgt werden. Insbesondere bei Pflanzenarten existiert hierfür ein ausreichendes Zeitfenster, da zwischen erster Einschleppung und Massenausbreitung in der Regel ein Zeitraum von einigen Jahren bis Jahrzehnten liegt (Time-lag). Das Eingreifen im Verdachtsfall ist wesentlich effizienter und kostengünstiger als das Eingreifen, wenn bereits ein Schaden entstanden ist.  Beispiele für das Eingreifen in einem frühen Stadium der Invasion sind die landesweite Kampagne zur Meldung und Bekämpfung der Beifuß-Ambrosie oder die letale Vergrämung des ersten (und NRW-weit bisher einzigen) Freilandvorkommens des Nordamerikanischen Ochsenfrosches.

 

 

3. Im fortgeschrittenen Stadium der biologischen Invasion ist eine Bekämpfung mit dem Ziel der völligen Tilgung nicht mehr erfolgversprechend. Bei bereits weit verbreiteten, invasiven Arten sollten Maßnahmen zur Kontrolle und Eindämmung der weiteren Ausbreitung getroffen werden. Einzelpflanzen in bisher Herkulesstauden-freien Gebieten, z.B. Flusssystemen oder Naturschutzgebieten sollten entfernt werden, um der Besiedlung größerer, bisher unbesiedelter Flächen vorzubeugen. Die Eindämmung der weiteren Ausbreitung setzt kontinuierliche Beobachtung und planvolles Eingreifen voraus. Auch zum gezielten Schutz wertvoller Biotope oder gefährdeter Arten können lokale Bekämpfungsmaßnahmen erforderlich sein. Im Hochsauerland ist beispielsweise eines der wenigen eiszeitlichen Reliktvorkommens des Alpen-Milchlattichs (Cicerbita alpina) vor der Konkurrenz durch die Herkulesstaude zu schützen.

 

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Großer Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus).
Zeichnung: G. Laukötter

Verschiedene invasive Arten, z.B. die Grobgestreifte Körbchenmuschel, Corbicula fluminea oder der große Höckerflohkrebs, Dikerogammarus villosus haben sich in den großen Flüssen des Landes stark ausgebreitet und bilden individuenstarke Populationen. Insbesondere in Fließgewässern sind Tilgungsmaßnahmen kaum möglich. In vielen Fällen bleibt nichts anderes übrig, als die neuen Arten zu akzeptieren. Umso wichtiger sind vorbeugende Maßnahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt.

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